Dalaka, Geliebter
ich muss Dir unbedingt von meinem Treffen mit den Boro’Madar erzählen Zum ersten Mal traf ich dieses Volk nun und ich sage Dir es war so beeindruckend Einer ihrer Wächter holte mich ab. Er stand plötzlich einfach vor mir in seinem metallisch schimmernden Panzer. Nie zuvor hatte ich den kleinen unscheinbaren Gang gesehen, der hier im Tunnelsystem abzweigte, und Du weisst wie gut ich die Gänge und Stollen hier unten kenne Ich glaube er wurde ganz frisch von ihnen gegraben. Es war nur ein kurzes Stück, welches ich gebückt ging, doch dann weitete sich der Gang und wir konnten aufrecht durch die Gänge gehen. Lange Zeit ging es dahin in gewundenen Gängen, Arbeiter liefen eilfertig umher, sie schienen sich blind zu verstehen und arbeiteten schweigend zusammen - hin und wieder wurde die Stille unterbrochen von ihrem typischen Klicken, das von sich gaben. Immer wieder sah ich Wachen, die mich aufmerksam doch auch mit Achtung und Neugierde musterten. Mit meiner Begleitung, dem Wächter - so fremdartig er mir auch erschien - fühlte ich mich sicher. Auch in vollkommener Dunkelheit wusse er immer den Weg. Und mit seinem Panzer schien er geboren für den Kampf unter Tage. Wahrhaftig, es wird für jeden schwer, der versucht einen Eingang zu betreten, der von einer solchen Kreatur bewacht wird. Schliesslich weitete sich der Gang urplötzlich in eine große Halle. Anscheinend diente diese Halle Empfängen und auch wenn dort wohl schon lange kein Besuch mehr stattgefunden hat, so war sie dennoch sehr beeindruckend: Die Wände strahlten ein diffuses Licht aus, es schien mir, daß dieses Licht von einem besonderen, einem leuchtenden Pilz ausging, der an den Wänden der Halle wuchs. Die gesamte Szenerie wurde dadurch in ein unwirkliches Licht getaucht. Der Eingang in die Halle war ein wenig erhaben und über eine breite schiefe Ebene, eine Rampe, ging es hinunter in die Halle. Dort am Boden herrschte ein dichtes Gewusel und Gedränge aller möglichen Boro’Madar. Der Raum wurde erfüllt von Klackern, Klicken und Brummen in einem seltsamen Rhythmus. Ich sah ihre Jäger, von denen es heisst, sie wären die Nachfahren der NarechTuloch, ich sah ihre Arbeiter, ich sah ihre Wächter, die jungen Drohnen und ich sah ihre Priester, die sie Hüter nennen. Sie, die Hüter, standen ganz still im Raum verteilt, wie in Gedanken versunken. Ein wahrlich seltsamer Anblick in all dem Gewimmel um sie herum. Doch nach einiger Zeit erkannte ich die Ordnung in all diesem Gewimmel, und die Hüter schienen - ich weiss nicht, wie ich es beschreiben soll - nunja, die Dirigenten dieses Tanzes zu sein. Am entgegengesetzten Ende der Halle befand sich eine Empore. Dort sass ihre Königin. Ich weiss es nicht genau, aber es muss viele viele Jahre her sein, seit das letzte Mal jemand anders als ein BoroMadar die Königin zu Gesicht bekam. Ich glaube, auch meine Vorgängerin, die weise Yanaka sah sie nie. Welch eine Ehre für mich Das Gewusel und auch die Musik, wenn man sie so nennen möchte, ebbte langsam ab, und es wurde still im Saal. Die BoroMadar formten still und schweigend ein Gasse und ich ging durch diese auf die Königin zu, die mich mit aufmerksamen und einem sanften Schimmer in den Augen beobachtete. In der Mitte des Saales blieb ich stehen und beugte mein Haupt vor ihr. Doch einer der Arbeiter berührte mich leicht an meinem Arm und ich sah zu ihm auf. Neben ihm stand einer der Hüter, ganz in selbstvergessen in tranceähnlicher Konzentration. Dieser einfache Arbeiter sprach zu mir: Beuge Dein Haupt nicht, denn von Gleichen zu Gleichen sprechen wir hier. Er sprach langsam und bedächtig, so als hätte er unsere Sprachen lange nicht mehr benutzt. Unser Volk heisst Dich willkommen, Malaka’Re. Alle sind wir eines und jeder lebt durch den anderen. Der Blick , des Hüters, der eben noch in die Unendlichkeit schweifte erfaßte mich und dann sprach er zu mir: Werte MalakaRe, lange ist es her, dass wir die Hüterin der Pforten empfangen haben, doch unsere Freundschaft und Liebe haben Euch und Eure Vorgängerinnen immer begleitet. Auch Yilala’Moh, die schwarze Herrin des Todes, wurde immer von unserer Liebe begleitet. Und das wusste sie auch. Nun war es an mir, meine Grußformel anzubringen: Wertes Volk der BoroMadar, eine grosse Ehre ist es auch für mich, in Euren Hallen wandeln zu dürfen und Euch zu treffen. Wie ihr treffend sagtet: Alle sind wir eines und jeder lebt durch den anderen. Dies mag für Euer Volk noch viel mehr gelten als für unsereins, doch auch ich, obwohl dies das erste Mal ist, dass ich Euer Volk zu Gesicht bekomme, habe stets die Liebe zu eurem Volke in meinem Herzen getragen. Ich muss gestehen, herbeigesehnt habe ich den Moment, endlich in die gütigen Augen Eures Volkes zu sehen und Treue und Liebe darin zu finden. Es war ein bißchen schwierig für mich, weil ich nie wusste, wen ich ansehen sollte: Die Königin, den Hüter, den Arbeiter oder alle zusammen, denn sie alle schienen Eins zu sein, zusammenzugehören, in Harmonie zu existieren. Schlussendlich entschied ich mich für die Königin und sah in ihre gütigen Augen. Ich fuhr dann fort mit dem Anlass meines Besuches und erklärte den Boro’Madar die fast hoffnungslose Lage im Süden. Doch ich erzählte auch, dass Murach Doloch eine Entsatzarmee vorbereitet, um den Süden doch noch zu halten. Oh, Geliebter, wie gern würde ich mit Dir in den Süden ziehen, an Deiner Seite kämpfen, doch mein Platz ist hier an Pforten, denn ich bin die Hüterin. Doch es gibt gute Nachricht für Euch! Weißt Du, wass der Hüter mir sagte Er sagte: Malaka’Re Hüterin der Pforten ich sehe Du grämst Dich In Deinem Herzen spüre ich die Qual der Liebe. Wir alle spüren sie. Dein Geliebter, er geht mit in den Süden, auf eine gefährliche Mission. Doch seid Euch gewiss Nicht allein wird er gehen Denn alle sind wir eines und jeder lebt durch den anderen. Auch wenn unser Volk keine Krieger hervorbringt, so werden wir in den Süden ziehen, mit Eurer Armee, und auch wenn sie uns uns nicht sehen, so sind wir dennoch da. Wir kennen die Wege im Untergrund, wir wissen um die geheimen Stollen und Tunnel und wir werden Murach Dolochs, des Eisernen Armee begleiten. Und Euer Blutzoll wird auch unser Blutzoll sein. Wir werden nicht in den Schlachtreihen stehen, doch Euer Vormarsch wird einfacher sein, wenn ihr die feindlichen Käfte im Untergrund umgeht. Und in der Schlacht: Haltet Ausschau, immer wird es in der Nähe einen der Unseren geben, ein kleiner unscheinbarer Graben, ein hohler Baumstumpf, ein vermeintlich undurchdringliches Gestrüpp, ein Fuchsloch ... dort findet ihr uns. Dort bringt Eure Verwundeten hin, dort finden sie Heilung und Trost... Denn Ihr, Hüterin, aus EurenWorten spricht Aufrichtigkeit und Güte, und auch wenn ihr nicht Teil unseres Volkes seid, so fühlen wir mit Euch, Eure Verzweiflung ist unsere Verzweiflung und darum sei auch Eure Hoffnung unsere Hoffnung. So sei es Nach diesenWorten herrschte eine atemlose Stille. Alle BoroMadar erstarrten in ihren Bewegungen und alles sahen mich an, als wenn sie alle tatsächlich ein Wesen wären. Doch alles was ich in ihren Augen sah, war Mitgefühl, Trost und Wärme. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Nie hätte ich gedacht, dass die Boro’Madar ein solches Angebot machen würden, war mir doch gesagt worden, dass das Kriegshandwerk so gar nicht das ihre war. Ich glaube, Dalaka, Geliebter, mir rannen Tränen die Wangen herunter, so überwältigt war ich von ihrem Angebot. Als ich mich wieder gefasst hatte, bedankte ich mich überschwänglich bei ihnen. Ich glaube, ich habe nicht immer die Etikette gewahrt, aber die Boro’Madar schienen mich zu verstehen. Ich fühlte, dass sie mehr zu meinem Herzen, als zu meinem Verstand sprachen. Zum Schluss sprach die Königin selbst zu mir: Lyriel, Dein Schmerz ist unser Schmerz, und Deine Hoffnung ist unsere Hoffnung Und Deine Liebe ist unsere Liebe. Zeit ist es für den Abschied, doch unsere Herzen werden Dich stets begleiten, und auch Dalaka. Gehe in Frieden und in Hoffnung, unser Volk ist immer bei Dir, auch wenn Deine Augen es nicht sehen. Mit dem Herzen wirst Du immer unsere Nähe spüren. Dalaka, Du glaubst nicht, wie dieses Volk ist Diese Harmonie, sie scheinen tatsächlich alle Eins zu sein, sie scheinen sich ohne Worte zu verstehen, ihre Art füreinenader da zu sein. Es ist alles so fremdartig, wie dieses ganze Volk so fremd ist, und dennoch empfindet man in ihrer Gegenwart Geborgenheit und Wärme, wie ich sie sonst bei keinem anderen Volke verspürte. Sei unbesorgt, Dalaka, und ziehe zuverischtlich in die Schlacht in den Süden Ach ja, der Rest ist schnell erzählt: Der Wächter, der mich hineingeleitete, nahm mich in seinen Arm, wenn man ihn so bezeichnen möchte und führte mich hinaus. Ich war so überwältigt von dem Erlebnis, ich hätte den Weg ohnehin nie alleine finden und gehen können. Als er mich zurück gebracht hatte, verschwand er wieder in dem kleinen Eingang, durch den er vorher so plötzlich aufgetaucht war. Doch schon am nächsten Tag erinnerte nichts mehr an den Eingang. Es war, als wäre er nie gewesen. Die Arbeiter der Boro’Madar sind wahrlich gute Baumeister. Dalaka Dies war ein Erlebnis, das nur wenige je erlebt haben in den ganzen Jahren des Krieges. Ich möchte es nie mehr missen, dieses Volk kennengelernt zu haben und ich werde von der Erfahrung mein Leben lang zehren, und versuchen diese meinen Nachfolgerinnen zu vermitteln. Diese Begegnung zeigt mir wieder, dass es sich lohnt, zu kämpfen, dass es sich lohnt, gegen die Verfemten aufzustehen, ja auch, dass es sich lohnt zu sterben. Denn dieses Volk , es ist wirklich etwas Besonderes Geliebter Dalaka, wie sehr hoffe ich Dich noch einmal zu sehen, bevor du gehst. Ich denke an Dich und ich träume von Dir

Deine Lyriel