Allerliebste Patin, meine geschätzte Lukrezia,
ein seltsames Phänomen geht in diesen Tagen um. Niemand weiß, woher es kam, noch, wie es sich ausbreitet. Kein Alchemist hat bis jetzt ein Gegengift gefunden, kein Medicus vermag das Übel zu heilen, selbst die ältesten Kräuterfrauen wissen keinen Rat. Ich frage mich, liebste Lucrezia, ob es sich überhaupt um eine Krankheit handelt. Still! Ich darf einem solch schrecklichen Verdacht keinen Raum in mir geben, mein Vater hat mir verboten, auch nur einWort davon über meine Lippen entwischen zu lassen. Das ist auch der Grund, weshalb du meinen Brief über solch ungewöhnliche Wege erhalten hast. Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass etwas geschieht, etwas unsäglich furchtbares. Die Welt verändert sich. Das Schlimmste jedoch ist, dass keiner reagiert. Niemand scheint es zu spüren, oder treffender gesagt, niemand will es spüren! Wie dumm, wo doch jeder weiß, dass nichts mehrNormal ist! Ein offenes Geheimnis, die Reaktion trotziger Kinder oder armer Menschen, die sich verzweifelt an das bisschen Rest Vertrautes klammern, welches ihnen geblieben ist.
Letzte Woche hat es meine treuste Freundin erwischt, ich habe sie im Hinterhof gefundenE Liebste Lukrezia, ich habe Angst! Wer ist als nächstes an der Reihe? Wird es jemand aus meiner Familie sein? Werde ich es sein? Ihr Anblick hat sich in mein Gedächtnis gebrannt, ich kann sie vor mir sehen, wann immer ich die Augen schließe. Des Nachts steht sie vor mir, bewegungslos, mir leerem Blick. Die Symptome sind immer dieselben, wie bei einer Seuche. Starr stehen sie da, all die Unglücklichen. Sie verharren in der Haltung, in der es sie getroffen hat. Ihre Augen auf einen Punkt fixiert, der nicht existiert, als ob sie direkt in eine ferne, uns fremde Welt blickten. Ihre Haut scheint bläulich, wahrscheinlich würde sie sich kalt anfühlen, doch wagte ich nicht, Samira zu berühren. Es ist schwierig, mehr über die Leidenden herauszufinden. Die Familien verleugnen allesamt, betroffen zu sein, auch die Samiras. Noch gibt es zu wenige, noch lässt es sich verbergen, noch kann ein jeder weiterleben, als wäre alles wie früher, als würde kein Wandel existieren. Ein grausames Glück wurde mir zuteil, ein seltsames Schicksal, das ausgerechnet ich meine arme Samira fand. Ich will dir alles erzählen, was ich zu glauben weiß, auf dass du mir vielleicht mehr darüber erzählen kannst, die du doch stets aus wundersamer Quelle von allem hörst und erfährst. Ich habe dir eine Skizze beigelegt (Leider so unvollkommen. Meine Mutter schilt mich fast täglich, weil ich nicht genug übe.). Sie kommt bei weitem nicht an den gespenstischen Anblick heran, der sich mir geboten hat, dennoch hilft sie dir vielleicht, meine Schilderungen besser zu verstehen. Nun kommen wir endlich zu dieser geheimnisvollen Seuche. Es beginnt meist mit einer leichten Desorientierung, Schwindelanfällen oder leichten Kopfschmerzen, zumindest fiel mir das bei Samira einige Tage vor ihrem traurigen Schicksal auf. Die eigentliche Krankheit befällt den Körper plötzlich, wie diese üblen Krämpfe, die Tante Kriolene immer bekam, wenn sie zu schnell ging. Die Glieder werden steif und starr und scheinen einen unnatürlichen blauen Schimmer auszustrahlen. Es ist schwierig, das zu erklären. Versteh mich nicht falsch, die natürliche Hautfarbe bleibt unverändert, es ist nur als ob ein unendlich fein gewobenes blaues Tuch über den Körper gelegt würde. Eines, das sich eng an die Haut schmiegt, aus dem Stoff, den man tagsüber in die Sonne legt und der dann in der Nacht sanft schimmert und glänzt. Ich glaube jedoch, dass dies nur das erste Stadium der Krankheit ist. Natürlich habe ich keinen Beweis und nur unsichere Anhaltspunkte und doch glaube ich, erfahren genug im Beobachten von Leuten zu sein, um aussergewöhnliches Verhalten von normalem unterscheiden zu können. Der Unterschied ist in diesem Falle fein, sehr fein. Das ist wohl auch der Grund, warum sich die Seuche so gut leugnen lässt. Nach dem ersten akuten Anfall scheint es den Leuten wieder gut zu gehen und doch sind sie verändert. Ihre Bewegungen sind eckiger, ihre Art kühler, der Blick leerer. Ich kann mich des Gefühles nicht erwehren, dass sie nicht mehr vom eigenen Geist bewohnt werden. Welch schrecklicher, abgrundtief hässlicher Gedanke!

In Liebe, deine Tirza

Liebste Lukrezia
Die Stadt ist im Ausnahmezustand! Keine drei Woche nachdem ich meinen letzten Brief an dich unserem lieben Brikon mitgegeben habe, muss es eine wahre Opferflut gegeben haben. Ich lag mit Sumpffieber darnieder, doch blieb mir nicht verborgen, dass etwas geschehen war. Nun kann keiner mehr die Gefahr leugnen. Ich lebte nie in einem Kriegsgebiet, ich weiß nicht, wie sich Krieg anfühlt, doch das hier entspricht ziemlich genau meinen Vorstellungen davon! Was wird wohl als nächstes geschehen? Ich weiß nicht, wann ich dir zu schreiben das nächste Mal im Stande sein werde, darum gib bitte auf dich acht und grüsse Simenon und Brikon von mir.

Deine Tirza